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Structured Analytic Techniques[1] zwingen den Analysten dazu, systematisch über Problemlagen nachzudenken. Sie lenken die Konzentration auf Teilaspekte, die vielleicht übersehen oder wegrationalisiert worden wären. Sie werfen Licht, nicht nur auf die Fragen die gestellt wurden, sondern auch auf Gegenfragen.

Diese systematische und explizite Form mit Problemstellungen umzugehen, ist bei den wenigsten Menschen eine angeborene Fähigkeit. Der Analyst muss sich zwingen, jenseits dessen zu arbeiten, was spontan und intuitiv kommt. Diese Tatsache bringt zwei wesentliche Begleitumstände mit sich.

Erstens führt die mental anstrengende oder zumindest mental anspruchsvolle Herangehensweise, jenseits der natürlichen Intuition dazu, dass System 2 aktiviert wird.[2] Aus meiner Sicht klassifizieren Heuer und Pherson im Buch „Structured Analytic Techniques for Intelligence Analysis“[3] auch deshalb Strukturierten Analysetechniken als eine Form von bewusstem System-2-Denken.[4] Das bedeutet, die Anwendung von Strukturierten Analysetechniken aktiviert, wenn sie korrekt durchgeführt wird, per se System 2.

Abhängig davon, wie das jeweilige Analyseprojekt aufgebaut wird, dienen unterschiedliche Analysetechniken unterschiedlichen Zwecken.

Structured Analytic Techniques - An Overview

Zunächst zwingen Strukturierte Analysetechniken den Analysten, seine Gedanken aus dem Kopf und auf das Papier zu bringen. Sie Externalisieren also das Analyseproblem und verringern damit die negativen Auswirkungen der natürlichen Begrenztheit des menschlichen Geistes.[5] Dadurch kann sich der Analyst zwingen, alle Fakten zu berücksichtigen und nicht nur solche, die aus unterschiedlichen Gründen gerade dominant sind.

Imaginationstechniken wie Strukturiertes Brainstorming helfen dabei, neue Vorstellungen zu erzeugen oder bestehendes Wissen neu zu arrangieren. Damit können beispielsweise die Effekte von Groupthink, Satisficing oder Premature Closure eingedämmt werden.[6]

Eng damit verwoben, sind Techniken, mit denen breite Spektren an Hypothesen generiert und getestet werden können. Techniken, die darauf ausgelegt sind, Hypothesen zu falsifizieren, statt zu verifizieren. Um negative Effekte – zum Beispiel den Bestätigungsfehler und die Verfügbarkeitsheuristik – zu begrenzen.[7]  

Andere Techniken können dabei helfen, zielgerichtet über Ursache-und-Wirkungs-Zusammenhänge nachzudenken. In diesem Kontext sind beispielsweise Biases und Heuristiken wie Mirror-Imaging und die Verfügbarkeitsheuristik zu nennen, die es zu überwinden gilt.[8]

Die Ergebnisse eigener Analysen können auch gezielt in Frage gestellt werden, indem Reframing-Techniken genutzt werden. So können gezielt vorhandene mentalen Modelle in Frage gestellt und Premature Closure, Satisficing, Groupthink und der Confirmation Bias in ihren Auswirkungen begrenzt werden.[9]

Um einen Blick in die Zukunft zu werfen, helfen Foresight-Techniken und verschiedene Arten von Indikatoren. Die methodengeleitete Arbeit mit dem Bereich Foresight ermöglicht es, ein breites Set an „Zukünften“ zu schaffen, um so der komplexen Welt gerecht zu werden, in der wir leben.[10] Gerade die Arbeit mit Indikatoren kann die Auswirkungen des Rückschaufehlers minimieren.

Und schließlich können durch die Umsetzung bestimmter Methoden auch Urteilsfehler bei denjenigen minimiert werden, die unsere Analysen lesen; um so mit diesen Analysen den bestmöglichen Effekt erzielen zu können.[11]

Die in den hier genannten Analysetechnikfamilien verorteten Strukturierten Analysetechniken stellen eine Form von System-2-Denken dar. Die Nutzung dieser Techniken bringt noch einen zweiten wesentlichen Begleitumstand mit sich.

Dieser ergibt sich aus dem, was Kahneman als „Symmetrie assoziativer Verknüpfungen“ bezeichnet. Hierzu führt er aus:

"[Wir erleben] eine starke Beanspruchung unserer kognitiven Leistungsfähigkeit, wenn die anstrengende Operationen von System 2 ablaufen. Anderseits mobilisiert eine hohe kognitive Beanspruchung unabhängig von ihrer Ursache tendenziell System , mit der Folge, dass [...] auf einen konzentrierten, analytischen Modus [der Problemlösung] umgestellt wird."*

Das bedeutet aus meiner Sicht, dass Strukturierten Analysetechniken nicht einfach nur selbst System-2-Funktionen beziehungsweise System-2-Denken darstellen, sondern es zu einer wechselseitigen Verstärkung von System-2-Funktionen im Gehirn kommt. Initial gezündet, durch die Anwendung von Strukturierten Analysetechniken.

All das sind die Gründe, aus denen bei Analysen Strukturierte Analysetechniken zum Einsatz kommen sollten.

Natürlich sind Strukturierte Analysetechniken kein Allheilmittel. Sie entbinden nicht von gesundem Menschenverstand und sie liefern auch nicht durch Zauberhand Ergebnisse, die über jeden Zweifel erhaben sind.[12] Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass SATs derzeit den besten Werkzeugkoffer bereitstellen, um den kognitiven Herausforderungen zu begegnen, denen jeder Analyst ausgesetzt ist. Einen Werkzeugkoffer für das Aktivieren von System-2-Funktionen, um zu bestmöglichen Analyseergebnissen zu gelangen.

Damit stellt das Erlernen von SATs und das Anwenden des Erlernten aus meiner Sicht einen sinnvollen und zwingenden Schritt dar, auf dem Weg ein gewissenhafterer, professionellerer und damit besserer Analyst zu werden.

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[1] Als Standardpublikation und Nachschlagewerk empfehle ich: Heuer, Richards / Pherson, Randolph: Structured Analytic Techniques for Intelligence Analysis, 2nd Edition, CQ Press, California, 2015. Eine kürzere und übersichtlichere Publikation für Analysten, welche die wesentlichen SATs bereits beherrschen empfehle ich: Pherson, Randolph H.: Handbook of Analytic Tools & Techniques, 5th ed., Pherson Associates, LLC: 2018. Für einen kostenlosen ersten Einstieg kann die folgende Publikation dienen A Tradecraft Primer: Structured Analytic Techniques  for Improving Intelligence Analysis, Prepared by the US Government, 2009, Online: https://www.cia.gov/library/center-for-the-study-of-intelligence/csi-publications/books-and-monographs/Tradecraft%20Primer-apr09.pdf [Zugriff: 18.08.2019]

[2] Vgl. Kahneman, a.a.O., S. 36.

[3] Vgl. Heuer/Pherson, a.a.O.

[4] Vgl. Heuer / Pherson, ebd., S. 19 ff.

[5] Vgl. Heuer, ebd., S. 27 f.

[6] Vgl. Heuer/Pherson, a.a.O., S. 99.

[7] Vgl. Heuer/Pherson, ebd., S. 166.

[8] Vgl. Heuer/Pherson, ebd., S. 205 f.

[9] Vgl. Heuer/Pherson, a.a.O., S. 236.

[10] Vgl. Heuer/Pherson, ebd., S. 133 f.

[11] Vgl. Heuer/Pherson, ebd., S. 289 ff.

[12] Zur kritischen Reflektion der empirischen Nachweisbarkeit des Nutzens von Strukturierten Analysetechniken siehe: Artner, a.a.O. und Heuer/Pherson, a.a.O., S. 345 ff.

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